5 Fakten über Hornhautverletzungen

5 Fakten über Hornhautverletzungen, bei denen der sichtbare Befund täuschen kann
Liebe PferdehalterInnen, Ein tränendes oder zugekniffenes Auge ist beim Pferd nie nur ein kosmetisches Problem. Besonders tückisch: Ausgerechnet tiefe oder bereits wieder überhäutete Veränderungen können in einem üblichen Test unauffällig erscheinen. Diese fünf Fakten zeigen, warum Augenbefunde schnell und fachgerecht abgeklärt werden sollten.
1. Der tiefste Hornhautdefekt kann im Fluoreszein-Test dunkel bleiben
Fluoreszein färbt freiliegendes Hornhautstroma leuchtend grün. Reicht ein Defekt jedoch bis auf die Descemet-Membran – die letzte dünne Schicht vor dem Augeninneren –, haftet der Farbstoff dort nicht. Inmitten einer grün angefärbten Läsion kann deshalb ein ungefärbter Bereich gerade der gefährlichste sein.
Ein negativer oder nur teilweise positiver Test ist also nicht automatisch Entwarnung. Tiefe, Lage und Begleitbefunde müssen bei einer vollständigen Augenuntersuchung beurteilt werden; bei einem Descemetozel droht die Perforation des Auges. Quelle [1]
2. Eine Hornhaut kann sich enzymatisch regelrecht „auflösen“
Bei der sogenannten Keratomalazie bauen Enzyme Kollagen in der Hornhaut ab. Diese Enzyme können von Bakterien, Pilzen und auch aus der körpereigenen Entzündungsreaktion stammen. Die Hornhaut wird weich, verliert Stabilität und kann innerhalb kurzer Zeit perforieren.
Deshalb werden bei solchen „melting ulcers“ neben gezielter antimikrobieller Therapie auch antikollagenolytische Maßnahmen eingesetzt, zum Beispiel Serum- oder EDTA-Augentropfen. Fortschreitende Fälle brauchen häufig sehr rasch eine chirurgische Stabilisierung. Quelle [1]
3. Pilze am Pferdeauge sind nicht automatisch Krankheitserreger
Pilze kommen auch auf der normalen Augenoberfläche gesunder Pferde vor. Erst wenn Trauma, eine gestörte Tränenfilm-Barriere oder andere Veränderungen die lokale Abwehr schwächen, können sie die Hornhaut besiedeln und eine Keratomykose auslösen.
Das erklärt zwei scheinbare Widersprüche: Ein Pilznachweis muss zum klinischen Bild passen – und ein unauffälliger zytologischer Befund schließt eine Pilzbeteiligung nicht sicher aus. Kultur, Zytologie, Aussehen der Läsion und Verlauf gehören zusammen; Mischinfektionen sind möglich. Quellen [1] und [2]
4. Die alte Augen-Salbe kann genau die falsche sein
Kortisonhaltige Augensalben können bei bestimmten nichtinfektiösen Entzündungen sinnvoll sein. Liegt aber ein Hornhautdefekt oder eine Pilzbeteiligung vor, kann die lokale Abwehr geschwächt und eine Keratomykose begünstigt oder verschlimmert werden.
Weil von außen nicht zuverlässig zu unterscheiden ist, ob Hornhautulkus, Uveitis, Stromabszess oder eine Kombination vorliegt, sollte eine übrig gebliebene Salbe nie auf Verdacht eingesetzt werden. Erst untersuchen, dann gezielt behandeln. Quelle [1]
5. Eine verheilte Oberfläche kann eine Infektion einschließen
Bei einem Stromabszess schließt sich die oberste Hornhautschicht über eingebrachten Bakterien oder Pilzen. Dadurch ist die Oberfläche wieder intakt, während die Infektion tiefer in der Hornhaut weiterbesteht. Typisch ist dann sogar ein negativer Fluoreszein-Test.
Die geschlossene Oberfläche erschwert zugleich das Eindringen von Medikamenten. Stromabszesse benötigen daher oft eine lange, intensive Therapie; tiefe Veränderungen müssen häufiger operiert werden. Ein schmerzhaftes Auge bleibt also auch ohne färbbaren Defekt ein dringender Befund. Quellen [1] und [3]
Mein Fazit: Beim Pferdeauge ist „klein“ keine verlässliche Risikokategorie.
Schmerz, Tränenfluss oder Zukneifen verdienen eine zeitnahe Untersuchung – denn Tiefe, Infektion und Stabilität der Hornhaut sind von außen nicht sicher zu beurteilen.
Du hast Fragen zu einem auffälligen oder verletzten Auge deines Pferdes?
Dann melde dich am besten zeitnah telefonisch, per E-Mail oder WhatsApp – oder sprich mich beim nächsten Besuch direkt an. Bei akutem Zukneifen, starkem Tränenfluss oder sichtbarer Trübung solltest du nicht bis zum nächsten Termin warten.
Herzliche Grüße
Lisa Knierim
Fachtierärztin für Pferde

